Story zum Foto – Teil 6: Milchstraße und Wolkenmeer auf La Palma

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Es war der 15. April 2021, meine erste selbst organisierte Workshop-Reise war in den letzten Zügen, die (einzige) Teilnehmerin war schon zurück in Deutschland und der letzte entspannte Abend auf La Palma stand mir bevor. Koffer packen und Unterkunft wieder anständig verlassen…also das ganz normale Programm für einen letzten Abend. So war jedenfalls der Plan.
Aber irgendwie machte sich im Laufe des Abends in mir das Gefühl und die Motivation breit, die letzte Nacht nicht ganz untätig vorüber ziehen zu lassen. So reifte der Plan, früh ins Bett zu gehen und früh in der zweiten Nachthälfte in die Berge La Palmas aufzubrechen. Von der Westseite der Insel kommend, würde es ohnehin in Richtung Flughafen im Osten mehr oder weniger auf dem Weg liegen. Und zu gerne würde ich noch die Sternwarten auf dem Roque de los Muchachos mit der aufgehenden Milchstraße fotografieren. Gesagt, getan.  Koffer gepackt und alles ins Auto geladen, um nach dem Power-Nap abfahrbereit zu sein.
Nach wenigen Stunden Schlaf (wenn man es denn überhaupt Schlaf nennen kann) klingelte der Handywecker. Ich schaute mir online das aktuelle Bild der oben bei den Sternwarten befindlichen Skycam an und sah darauf einen sternenübersäten Nachthimmel. Das war Motivation genug und so brach ich auf in die Berge La Palmas. Und bereits um halb 4 befand ich mich an den Sternwarten um die Milchstraße zu fotografieren. Ich suchte verschiedene Blickwinkel und machte verschiedene Belichtungen, um auch den Vordergrund vor der atemberaubenden Kulisse sichtbar zu machen. Das alles machte ich ca. eine Stunde lang, bis ich auf die Idee kam, doch noch ein Stück weiter zu fahren, die Sternwarten hinter mir zu lassen und einen Blick in die Caldera zu werfen. Wenn ich zu diesem Zeitpunkt schon geahnt hätte, was mich da erwarten würde, hätte ich wohl gar nicht so viel Zeit an den Sternwarten “verschwendet”. Aber der Reihe nach:
Nach bereits wenigen Metern Fahrt zogen plötzlich Wolken- bzw. Nebelschwaden vor den Scheinwerfern entlang und kurz danach war ich mitten in den Wolken. Die Vorfreude auf weitere Milchstraßen-Fotos war nun im Keim erstickt. Mangels an Alternativen hielt ich aber dennoch an dem Plan fest, ich musste ja immerhin auch noch ein paar Stunden bis zum Rückflug rumkriegen.
Am Zielort angekommen (nach ein paar Minuten Fahrt), stieg ich aus, schnappte mir den Fotorucksack und lief los bis zum Aussichtspunkt. Immer wieder zogen Wolken-/Nebelschwaden durch und das Licht der Kopflampe wurde direkt zu mir zurückgeworfen. Ich musste also des öfteren kurz inne halten, bis ich wieder ein paar Meter freie Sicht nach vorne hatte. Nach ein paar hundert Metern erreichte ich den von mir angedachten Spot zum Fotografieren. Ich sagte zu mir selbst: “Wie Sie sehen, sehen Sie nichts”. Ich wartete und beobachtete die relativ schnell ziehende Luftfeuchtigkeit. Für einen längeren Moment war auch die Milchstraße wieder zu sehen. Ich machte mich also trotz Allem bereit zum Fotografieren und irgendwie hatte es ja auch was: die Milchstraße mit vernebelter Landschaft.
Nach ein paar Aufnahmen geschah dann aber etwas Wunderbares: Plötzlich löste sich neben mir, über mir und vor mir der Nebel wie von Geisterhand auf und so konnte ich das erste Mal ungestört in die Caldera blicken. Es war wie ein Vorhang, der sich vor mir öffnete und ich merkte plötzlich, dass der Krater voll war, mit Wolken! Ein tatsächliches Wolkenmeer unter mir, ein Sternenmeer über mir! Dieser Anblick verschlug mir für einen Moment den Atem, ich bekam zudem Gänsehaut und die Augen wurden auch leicht feucht. Es war ein Anblick, den ich mir schon länger erträumt hatte, aber entweder war die Caldera wolkenlos (also auf Fotos relativ unspektakulär komplett dunkel) oder es war sowohl “unten” als auch “oben” bewölkt.
Unglaublich, das alles passierte wohlgemerkt am letzten Abend der Reise, nur wenige Stunden vor dem Abflug.
Natürlich machte ich noch Zeitraffer und auch ein Selfie von der Szenerie. Viel Zeit war dann tatsächlich aber auch nicht mehr, denn so langsam ging die Nacht zu Ende, die Morgendämmerung machte sich so langsam bemerkbar und den Flug durfte ich ja bei all dem Anblick auch nicht verpassen. Also nach insgesamt einer weiteren Stunde fotografieren wieder alles zusammen gepackt und auf der Fahrt in Richtung Flughafen (und in Richtung Meereshöhe) die Winterkleidung in Sommersachen gewechselt. Denn Nachts auf dieser Höhe sind die Temperaturen im niedrigen einstelligen Bereich.

Diesen Moment werde ich wohl nie vergessen, als ich da auf über 2.000 Metern stand, sich der natürliche Vorhang öffnete und ich diese atemberaubende Kulisse vor mir hatte. Das ist Abenteuer Nachtfotografie pur! 

Canon 6D II | Sigma 24mm ART | f/1.4 | 13 Sekunden | ISO 2000 | Panorama aus 3 Hochkantaufnahmen

 

 

 

 

Tom Radziwill

ist begeisterter Landschafts- und Astrofotograf. Auf seinem Blog berichtet er von seinen Reisen, Erlebnissen und der Entstehung der Bilder. Sein Motto: "Jedes Bild hat seine eigene Geschichte."

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